Tag 24 – Alleine

Da haben wir es nun, das erste Mal in drei Wochen habe ich mir einen Sonnenbrand abgeholt, dazu noch auf beiden Armen. Dieser Umstand ist dahingehend nicht wirklich bedauerlich, denn ich kann mich ab jetzt schonen. Um sechs Uhr mussten Orsolya und ich zum Bahnhof, um sie Richtung Ungarn zu schicken. Ich dagegen bleibe noch eine Weile und darf die Wohnung weiter nutzen.

Das beste Mittel gegen das Allein sein ist bei mir immer das Radfahren. Leider ist mein ?Reisender? immer noch verschollen, so dass ich mich für ?Todesfalle? entschied und mit ihm zu meiner Lieblingsstelle am Meer fuhr. Womit ich nicht gerechnet hatte war die Tatsache, dass man nicht mehr zum Meer kommt. Hier, an den Außengrenzen Sendais, merkt man das Erdbeben doch noch etwas mehr. Viele Gebäude werden restauriert oder neu gebaut. Wie man an den Rissen in den Wänden sieht, ist das ein wichtiges Vorgehen. Den eigentlichen Strand erreicht man nicht, da davor große Haufen von Trümmern gesammelt wurden. Zu allem Überfluss verfuhr ich mich auch noch auf dem Rückweg, so dass ich relativ spät nach Hause gekommen bin. Es ist schon traurig mit anzusehen, wie viele Friedhöfe mit neuen Gräbern versehen sind und neu angelegt wurden. Die Straßenschäden auf der Strecke zeigen dir die Zerstörungskraft, die die Welle innehatte. In Sendai selber merkt man dagegen davon rein gar nichts.

Nach meiner Rückkehr traf ich mich mit einem alten Bekannten. Es war Mohamed – mein Lieblingsarzt und Hardcore-Barca-Fan. Eigentlich sollte ich mit ihm Supercup in Spanien schauen, wegen dem wenigen Schlaf gestern werde ich aber wohl passen müssen. Dafür lud er mich zum Essen ein und wir holten die alten Geschichten wieder raus. Mit seinen zwei Jahren in Sendai hatte er auch mehr als genug zu erzählen, so dass es ein sehr kurzweiliger Abend wurde. Interessant wurde das Treffen mit Mohamed noch aus zwei weiteren Gründen. Zum einen durchschritten wir gerade Kukubuncho, als man uns junge Chinesinnen für gewisse Dienste anbot. In Anbetracht der Tatsache, dass in Japan Prostitution verboten ist, war das ziemlich gewagt. Viel mehr zu denken gibt mir aber die Tatsache, dass mir das diesen Urlaub schon zum zweiten Mal passiert ist. Sehen meine Begleiter und ich immer so verzweifelt aus? Wobei man dabei zu meiner Verteidigung sagen muss, dass immer die Begleiter angesprochen wurden und ich außen vor blieb, vielleicht liegt es doch an den Freunden. Weiterhin fielen mir viele Taxis mit zwei Fahrern auf. Eine Nachfrage bei Mohamed ergab die geniale Masche der Japaner. Es handelt sich um Taxis für Betrunkene. Sollte jemand betrunken sein, so ruft er diese Taxis und ein Fahrer fährt das Auto des Betrunkenen nach Hause und der zweite Fahrer nimmt den ersten dann wieder mit zum Ausgangsort. Das ist eine einfache und geniale Methode und der Anzahl der Taxis zufolge auch komplett akzeptiert.

Morgen werde ich wohl mal bei Frau Omori vorbeischauen. Es haben sich ja auch schon Blog-Leser und Facebook-Nutzer getrennt voneinander beschwert, dass ich die ältere Dame doch mal treffen soll. Vielleicht kennt sie ja mal wieder Jemanden zum Verkuppeln.

Tag 23 – Takoyaki-Party

Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Ein Jahr habe ich im wunderschönen Sendai gelebt und nie ist es passiert, dass ich wirklich zu einem Mitstudenten nach Hause eingeladen wurde. O.k., ich war schon bei Shimizu zu Hause, aber auch nur, weil wir irgendwann einmal eine Bewerbung für den Sommerkurs geschrieben haben. Heute sollte sich das ändern, denn ich war offiziell bei ihm zu einer Takoyaki-Party eingeladen. Bei Takoyaki handelt es sich um Teigtaschen, welche mit Oktopus gefüllt werden. Eigentlicher Grund der Einladung war aber nicht etwa, dass man mir eine Freude machen wollte. Es war eine Diskussion zwischen Shimizu und seiner Freundin, welche er in Göttingen beim Sprachkurs kennengelernt hatte, vorausgegangen. Streitpunkt war niemand anderer als ich und der Diskurs, ob ich das Zeug essen würde oder nicht. Shimizu vertrat den bejaenden Standpunkt und sie den anderen. Kurzerhand wurde ich und damit auch Orsolya eingeladen.

Bevor es so weit kommen konnte, galt es aber erst einmal zu shoppen. Man kann zu einer Party doch nicht ohne Gastgeschenk auftauchen. Deshalb entschieden wir uns für eine Pudding-Variation als Nachtisch. Bevor dieser aber angerichtet werden konnte, ging es erst einmal an einen Ort, den ich bisher diesen Urlaub etwas negiert habe – die Tempel. Direkt in der Nähe der Wohnung befindet sich der Hachiman-Schrein, einer der wichtigsten Schreine der Stadt. Bei bestem Wetter erklommen wir die Stufen, um den Schrein, genau auf die Bedürfnisse der Stadt eingerichtet, zu sehen. Fünf verschiedene Sendaier Mannschaften, vom Fußball bis zum Volleyball, hatten sich hier verewigt und für eine erfolgreiche Saison gebetet. Bei Vegalta hat es bis zu den letzten beiden Spielen gut geklappt, weshalb man dieses Vorgehen vielleicht einmal in Deutschland probieren sollte. Dazu wurden auch Glücksbringer mit Vegalta-Aufdruck verkauft, welche den Erfolg vergrößern sollen. Beim FCM ist das auch nötig. Kurzerhand ließ ich mir ein normalen Sporterfolg-Talisman auf den FCM weihen. Jetzt muss es nur noch wirken, aber immerhin kann ich sagen, dass ich alles versucht habe.

Nach den Talisman-Einkauf und dem normalen Einkauf konnte die Party losgehen. Gefeiert wurde in Shimizus kleinen, aber feinen Hütte. Sogar einen neuen PC hat er dort stehen. Nach dem Sommersprachkurs hatte sich Shimizu die Sachen per Post geschickt. In diese Kiste hat Kawamura jetzt einen PC eingebaut. Für das Gericht wird Teig so lange in runden Formen gedreht, bis es sich um runde Bälle handelt, welche dann mit Sojasoße und Majo verspeist werden. Für eine große Gruppe, wie wir waren, ist Takoyaki auf jeden Fall eine schmackhafte Variante. Zusätzlich sprach Shimizu in sehr gutem Deutsch mit mir und er machte seinem Ruf, dass er anstatt Bauch ein schwarzes Loch hat, alle Ehre. Von den Bällen, welche sie uns eigentlich später mitgeben wollten, wurden die meisten von uns gleich verdrückt. Die Damen haben schon nur noch die Augen verdreht.

Tag 22 – Die Geschichte der japanischen Höflichkeit

Japaner sind höflich, lächeln immer und sagen nie ein böses Wort – jeder von uns hat diese Vorurteile schon einmal gehört und eventuell sogar verwendet. Der heutige Tag sollte mir die Ausnahme von der Regel bestätigen. Der zweite Anlauf bei Professor Morimoto stand an. Diesmal mit Termin sollte es doch kein Problem sein, bei ihm vorstellig zu werden. Doch, eigentlich schon, denn Pünktlichkeit ist wohl eher ein Laster, das den Deutschen zuzuschreiben ist und dementsprechend durfte ich über eine Stunde im Kenkyoshitsu warten. Kein Problem für mich, schließlich saß eine nette Studentin im Büro, mit der ich schon gestern Hausaufgaben gelöst habe. Heute ging es in unserem Gespräch um Interessen und manchmal hatte ich das Gefühl, eine weibliche Version von Shimizu vor mir zu haben. Ich würde mal sagen, wäre ich heute im Kenkyoshitsu, ich würde wohl viele Gespräche mit ihr führen, ist ihr doch ein wirkliches Interesse an Deutschland anzumerken. Allgemein hat sich das Kenkyoshitsu schon wieder an meine Anwesenheit gewöhnt und ich werde wie ein normaler Bestandteil angesehen. Für mich ist dieser Zustand auf jeden Fall optimal, weshalb die Stunde auch wie im Fluge vergangen zu sein schien. Nur die Fruchtschnecken, welche ich den Japanern anbot, wollte so recht niemand anfassen. Ich wisse doch, dass Shimizu der Einzige ist, der das Zeug essen kann. Erst lange Verhandlungen und ein Vorführen überzeugte sie zu probieren, dass diese Art von Schnecken nicht mit Lakritze verseucht ist.

Endlich erschien Morimoto Sensei. Mein Mitbringsel aus Deutschland wurde mit der amüsierten Feststellung quittiert, dass ich schon wie ein echter Japaner denke und lebe. Wie es sich gehört, kamen wir gleich zum Ernst des Lebens. In Tokyo gibt es ein Institut, welches Stipendien für die Forschungsrichtung vergibt, welche mich schwer interessiert. Da meine Kontaktversuche nicht so erfolgreich verliefen fragte ich ihn, ob er nicht anrufen kann. Als neuer Ersatzdekan der Fakultät ließ es sich Morimoto nicht nehmen, dass Telefonat sofort zu führen. Nichts konnte ihn aber darauf vorbereiten, was ihn erwartete. Trotz der Auflistung seiner Titel und einer absolut Japan-typischen Höflichkeit, wurde er abgeschmettert. Er selber beschrieb das Gespräch als sehr kalt. Ich werde aber nicht verzagen, auch wenn dieser Plan im Sande verlief. Professor Morimoto gab mir den Hinweis, sich doch aus Deutschland zu informieren, aber das verlief ja bisher auch nicht vielversprechender. Er will aber meine Masterarbeit an die geeigneten Professoren in Japan weitergeben. Vielleicht besteht ja doch noch die Chance, dass sich das Treffen gelohnt hat. Nach dem Gespräch legte Professor Morimoto aber erst richtig los. Der Herr ist eine wandelnde Gerüchte-Litfaßsäule und über viele alte Mitstudenten konnte ich Neues erfahren. Besonders hoch lobte er aber Shimizu, welcher als Zentrum des Kenkyoshitsus beschrieben wurde und unbedingt in Deutschland studieren müsse. Sogar über dessen Freundin wusste Morimoto bestens Bescheid und manchmal frage ich mich ja schon, ob meine Profs in Göttingen über uns auch so informiert sind, ich wage es aber zu bezweifeln.

Nach dem Kenkyoshitsu ging es dann noch in die Innenstadt, wo ich die hochschwangere Mayumi traf. Ihr Deutsch hatte sich in den zwei Jahren nicht verschlechtert, weshalb es eine sehr lustige Runde wurde. Interessant ist es, den Lebensplan einer Japanerin zu sehen. Mayumi hat aufgrund ihrer Schwangerschaft komplett auf Mutter umgestellt und führt jetzt die Lebenspläne für die kinderreiche Zukunft, inklusive Haus, Garten und Hof, aus. Immerhin wurde ich in ihr neues, noch im Gedankenspiel befindliches Haus, eingeladen. Ich habe also auch in den nächsten Jahren genug Orte in Japan zu besuchen und werde wohl auf jeden Fall wieder herkommen.

Die schlechte Nachricht des Tages betrifft dagegen das Fahrrad ?Kamikaze?, welches auf dem Heimweg endgültig ins Gras gebissen hat. Soviel zu meinen Plänen, wenn ich alleine bin, das bessere der beiden Räder zu benutzen. Jetzt bleibt halt nur die Frage, wie lange hält ?Todesfalle? jetzt noch aus.

Tag 21 – Im Kenkyoshitsu

Es ist der 20.08. und noch immer habe ich Professor Morimoto nicht getroffen. Das ist ein Umstand, der geändert werden muss, denn nur Herr Morimoto kann mir mit meinen Doktorplänen und der erhofften Veröffentlichung der Masterarbeit helfen. Kurzerhand ging es also ins Kenkyoshitsu. Wie erwartet war Herr Morimoto nicht da. Was wundere ich mich noch, wo ich es doch geschafft habe, den guten Herrn in einem Jahr ungefähr fünf bis zehn Mal zu Gesicht zu bekommen. Als ich das Kenkyoshitsu betrat, ging das Chaos los. Die Bachelorstudenten schauten mich entsetzt an. Einige kannten mich noch, aber die Aussicht, Deutsch sprechen zu müssen, war laut ihren Gesichtern nicht wirklich erstrebenswert. Der Ersatz für meinen eigentlichen Betreuer Kawamura, eine junge Dame, die in ihrem Leben ein Mal in München war und damit Expertise für ganz Deutschland beanspruchte, war mit meinem Auftauchen komplett überfordert. Zwei Masterstudenten und alte Bekannte retteten den Tag. Mit der einen Studentin war ich beim Karaoke war und sie hat vor Professor Morimoto Heavy Metal gesungen und der zweite Student war der Fußballfreak des Kenkyoshitsus, welcher kurzfristig von den BA-Studenten geholt wurde, um mich zu unterhalten. Nichts leichter als das, mit Fußball kann man mich ja immer ablenken. Und so hatte man Zeit, um Morimoto ans Telefon zu holen, damit dieser mich abspeisen kann. So habe ich jetzt wenigstens einen Termin für morgen bekommen und muss nicht mehr so suchen. Er schien über den Anruf auch sehr überrascht gewesen zu sein, es war aber nett, sich mal wieder mit ihm zu unterhalten.

Während des Gesprächs mit Morimoto hatten die Japaner gleich noch für mehr Chaos gesorgt, indem sie Shimizu als Unterstützung gerufen haben. Dass der arme Junge besseres mit seiner heute ankommenden Freundin zu tun haben könnte, wurde komplett ignoriert. Zum Glück sah Shimizu das auch so und erschien nicht. Ich wurde aber verdonnert auf ihn zu warten, bis klar wurde, dass er nicht kommt. Kurzerhand machte ich meinem Ruf alle Ehre und half einer BA-Studentin bei den Hausaufgaben. Die junge Dame kann kein Deutsch, muss aber Frakturschrift lesen. Wie sinnlos das ist, zeigte sich an der Tatsache, dass sie die Worte nur abschrieb und ihr deshalb die Fehler nicht auffielen, weil sie den Satz nicht verstand. Sie freute sich aber sichtlich über Hilfe. Weil ich beim Nachhause gehen zwei der Japanerinnen die Tür aufhielt, wurde ich von diesen kurzerhand zum Gentleman ernannt. Schön, dass es auch endlich mal manchen Leuten auffällt, könnte ruhig auch in Deutschland passieren. Die Angst, die sie vor mir haben, konnte ich ihnen auf jeden Fall nehmen.

Nach einer Shoppingtour und der Feststellung, dass im alten Yodobashi-Gebäude heute eine Festhalle steht, in welcher ein Oktoberfest inklusive überteuerter Preise von bis zu 35 Euro pro Bier und peinlicher Musik stattfindet, ging es Orsolya treffen. Eine von Orsolyas Freundinnen war da und wieder einmal ging es Sushi essen. Wir müssen halt ausnutzen, jetzt noch gutes Sushi zu bekommen. Im Anschluss ging es in Richtung Südstadt, wo es ein großes einstündiges Feuerwerk gab. Die Reise dafür lohnte sich auf jeden Fall, auch wenn die schiere Masse an Japanern und die Tatsache, dass trotzdem alles ruhig blieb, fast interessanter erschien, als das Feuerwerk.

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Ein Hühnchen muss ich jetzt nur noch mit Andre rupfen. Der Herr war vor ein paar Tagen bei Frau Omori, Mitglied von Group Mori und Verkupplerin vom Dienst. Bei dieser Gelegenheit hat er meine Nummer dagelassen und ich hatte heute einen Anruf auf dem Anrufbeantworter: Wenn ich in Sendai sein sollte, soll ich doch gefälligst mal vorbeischauen. Meine Begeisterung ist bei solchen netten Einladungen leider nicht die Größte, ich werde aber mal schauen, ob man es nicht unterkriegt. Jetzt stehen morgen aber erst einmal Professor Morimoto und Mayumi an.

Tag 20 – Eine Rückkehr in die Vergangenheit

Es gibt viele Sachen, die ich machen wollte, während ich in Sendai bin. Orsolyas Verletzung bringt uns jetzt etwas aus dem Plan, denn ihre Lauffähigkeit ist eingeschränkt und ich bin mit meinem etwas zügigeren Gang zum Fußballstadion nicht unschuldig. Dementsprechend ruhig verlief der heutige Tag. Bei den aktuellen Temperaturen ist das auch besser, denn schon bei der kleinsten Bewegung ist man durchgeschwitzt. Ein Ziel gab es aber, welches leicht erreichbar ist und unbedingt begutachtet werden musste – Sanjo. Mein altes Wohnheim steht etwa fünf bis zehn Minuten von meiner aktuellen Unterkunft entfernt.

Kurzerhand schnappte ich mir Todesfalle und fuhr zu Sanjo. Ein komisches Gefühl ist es, einen Ort zu besuchen, an dem so viele Erinnerungen hängen. Beim Betreten von Sendai ging das Gefühl schnell vorbei, denn ich hatte Dennis als Anker dabei. Dieses Mal war es schlimmer, denn ich war alleine. Sanjo hat sich kaum verändert und unbemerkt ging mein Blick als erstes in die gewohnte Richtung, zu Orsolyas Fenster. Von dort aus ging es über Tobias Wohnung zu meiner, in der wohl jetzt ein Japaner wohnt. Ins Internationale Haus musste ich sogar hinein, um etwas nachzuschauen und alles war wie zuvor. Ich konnte förmlich das Gefühl spüren, in mein altes Zimmer zu gehen. Die einzige Änderung war eigentlich nur, dass der alte Sportplatz weg ist. Anstelle des Sportplatzes, wo unter anderem das Kochfest stattfand, befinden sich heute Notunterkünfte für die Tsunamiopfer.

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Nach Sanjo war mein Radvergnügen ungebrochen. Katoh, ein alter Freund, hatte am Morgen bei Skype geschrieben, dass er über neunzig Minuten nach Izomi benötigt hat, dem nördlichsten Stadtteil. Das konnte nicht sein und ich testete es auf einer Parallelstraße aus. Selbst mit Todesfalle war die Tour nach vierzig Minuten erledigt und Katoh kann kein Rad fahren. Dafür gab es viele nostalgische Gefühle auf der Strecke, weil ich dieser so häufig gefolgt bin und unter anderem damals hier meine Geldbörse verloren hatte. Das Highlight gab es aber in einem Laden auf der Strecke. Wie viele Verkäufer benötigt man für einen Einkauf? Ich habe jetzt in Japan gelernt, man benötigt 5 Verkäufer. Als ich mit meiner DVD zum Schalter kam, kamen alle auf mich zugetürmt. Der Erste nahm die Hülle entgegen, der Zweite brachte den Inhalt und verschloss die Verpackung, der Dritte zeigte mir die Kosten und der Vierte gab mir das Rückgeld. Der Fünfte im Bunde war dann dafür zuständig, meine Erwerbung zu übergeben. Man merkt also, die Japaner wissen, dass der Kunde König ist.

Tag 19 – Heimspiel gegen den Meister

Das war gestern ein Tag! Nach dem Kidscamp brauchte ich heute länger, um wieder auf volle Stufe zu gelangen. Das Ergebnis war ein sehr entspannter Tag. Diese Entspannung wurde nur durch Fußball unterbrochen. Es ging zum Spiel des amtierenden Meisters Kaschiwa Reysol, dem lebenden Beweis, dass Aufsteiger Meister werden können.

Orsolya wollte mich begleiten. Obwohl wir frühzeitig losgingen, schafften wir es erst fünf Minuten vor Spielbeginn ins Stadion. Das war aber noch früh genug, um die lautstarke Begrüßungsmusik der Fans für die Mannschaft zu sehen und zu hören. Anders als in Deutschland machen die Japaner beim Fußball die Einlaufmusik selber. Das war ein beeindruckender Anblick, der selbst Orsolya sehr gefiel, obwohl es ihr erstes Spiel war. Leider fanden wir unsere eigentlichen Plätze nicht. Kurzerhand bot eine Japanerin Orsolya einen Sitzplatz an, welcher auch dringend notwendig wurde, da ihr Bein nach einem Unfall im Kidscamp wieder anschwoll. Ich selber stand davor, was semi-optimal war. Neben Orsolya saß eine Japanerin mit Mutter, deren Freund neben mir stand. Als er meinen Platz einnahm, stellte ich mich einfach hinter ihn und schaute über seinen Kopf hinweg. Seine Freundin fand das Bild so witzig, dass sie einen Lachkrampf bekam und wir ins Gespräch kamen. Zur Halbzeitpause tauschten wir dann Schokolade gegen eingelegte Gurke.

Trotz allem war das aber noch nicht mein Platz. Kurzentschlossen suchte ich ihn in der Halbzeit noch einmal und wurde fündig. Lautstark und umarmungsreich zeigten sich meine Fußballfreunde, als sie mich erkannten. Über ein Jahr haben wir uns jetzt nicht gesehen und die Kinder sind alle älter geworden, aber alle haben mich sofort erkannt. Mit Orsolyas Hilfe waren diesmal auch Gespräche möglich. Meine Sapporo-Reise mit ?Auswärtsspiel? beeindruckte sie und ansonsten erzählten sie Orsolya, wie toll ich doch angeblich sei. Einer der Männer brachte uns auch gleich ein Bier und zum Ausgleich tauschte ich deutsche Schokolade und Misaki erhielt einen Schal vom 1. FCM. Dazu muss man wissen, dass mich zu Hause nach 6 Monaten Funkstille ein Paket aus Japan mit vielen Fußballutensilien erreicht hatte. Nach ewigen Zeiten hatten sich meine Fußballfreunde endlich gemeldet und mir Süßigkeiten und Vegalta-Fanutensilien geschickt. Misaki, eines der kleinen Mädchen der Gruppe, hatte dazu ein Bild von mir gezeichnet. Der Schal war die richtige Belohnung und Orsolya hatte bei der Familie sehr viel Spaß. Umso trauriger war am Ende dann der Abschied.

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Das Spiel selber endete mit einem klassischen 0:0. Reysol sollte nur kontern, scheiterten aber meist am gut aufgelegten Torhüter. Sendai dagegen machte das Spiel und scheiterte am fehlenden Abschluss. Warum muss eine Mannschaft mit vielen Spielern unter 180 cm auch versuchen, die Tore alle durch Kopfbälle zu erzielen? Ich meine, ein einfacher Torschuss ist doch eigentlich nicht so schwer. Auffällig war auch die Schwäche des Spielmachers von Vegalta Sendai. Früher war er einer der besten Spieler, heute ist er nur noch Mitläufer. Zum Glück bin ich nicht Trainer, ich hätte ihn schon lange runtergenommen. Dafür waren die Fans noch lautstärker, als sie es früher waren. Das Spiel hat sich also gelohnt, trotz der Hitze, welche das Schauen zur Tortur machte. Es geht doch nichts über alte Bekannte!

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Tag 18 – Nach der Schlacht

Da saß ich nun um 4.45 Uhr in Zao zwischen einer Meute Kinder und wusste nicht, was ich machen soll. Gestern hieß es noch, wir alle sollen um 4.45 Uhr aufstehen und einiges erledigen, ehe wir um 6 Uhr die Kinder wecken. Außer dem Deutschen hatte sich natürlich aber keiner an diese Anweisung gehalten. Wäre ja auch langweilig, wenn das auch nur einmal der Fall sein würde. Kurz entschlossen ging ich auf einen Spaziergang. Ich nutzte ihn dazu ein Waldstück aufzuräumen, welches wir gestern wegen Dunkelheit und Wind nicht mehr aufräumen konnten. Es soll ja keiner sagen, ich würde nicht für mein Geld arbeiten. Dass die Entscheidung ein Fehler war, stellte sich erst im Anschluss heraus, als mich ein Japaner um 5.15 Uhr ansprach, wie er den Berg erklimmen kann und was ich hier überhaupt mache. Ich überstand aber die Fragen irgendwie und der Morgen konnte beginnen. Mein Zimmer war nach der Niederlage gestern auch sehr friedlich und das Frühstück konnte beginnen.

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Bei diesem Frühstück zeigte sich der nächste Kritikpunkt an der Organisation. Nachdem es gestern die ersten Stunden gar kein Wasser gab, wurde danach nur Leitungswasser ausgeschenkt. Das mag ja gesund sein, aber 24 Stunden lang kann man das Kindern nicht verkaufen. Für eine Gruppe von vier Jungen, welche sich als besonders anhänglich erwiesen und mir immer einen Platz frei hielten, machte ich deshalb eine Ausnahme. Da ich selber meine Ladung Kakao brauchte, kaufte ich gleich eine weitere Dose. Aiji, meinem Gegenüber und gleichzeitig dem Jüngsten der Gruppe, der mir auch bei jedem Toilettengang die Hand zum Händehalten hinhielt und am liebsten natürlich getragen werden wollte, gab ich eine halbe Dose von mir und die anderen drei Jungen bekamen die zweite Dose. Die Gesichter, als ich mir anstelle des langweiligen Wassers Kakao einkippte, waren göttlich und sie bettelten förmlich zu erfahren, wo der her ist. Als ich ihnen daraufhin verriet, woher er ist, sah ich in glänzende Augen. Der Kakao wurde brüderlich auf den Milliliter genau aufgeteilt und bravere Kinder hatte keine andere Gruppe vorzuweisen. O.k., das war zwar irgendwie Bestechung, aber nach den Gesichtern zu urteilen, die Richtige. Dann begann der Unterricht, in dem sie aber nicht viel mehr lernten als gestern. Nach dem Unterricht stiegen wir wieder in den Bus. Die Zeit im Camp war überstanden. Im Bus zeigte sich dann, dass die Ausländer die einzigen waren, die erschöpft und müde waren. Dementsprechend schliefen auch alle Betreuer, während unsere Kleinen sangen. Bei unserer Rückkehr am Bahnhof war die Freude der Kinder und Eltern riesig. Unser weißes Team hatte auf jeden Fall Spaß und die Kleinen werden wohl nie mehr Angst vor Ausländern haben. Einer der Kleinen, Aiji, hatte bei der Verabschiedung sogar Probleme, was besser ist – ich oder seine Mutter. Besonders interessant war auch die Übung ?Übergabe einer Visitenkarte? (übrigens ein wichtiger Punkt in Japan). Jedes Kind hatte nur 3 Visitenkarten, die an jemandem übergeben werden sollten. Meine ganze Gruppe kam zu mir, um ihre Karten mit meiner zu tauschen. So schnell konnte ich gar nicht schauen, wie sich eine riesige Schlange gebildet hatte. Besonders Jin wollte unbedingt eine Visitenkarte von mir haben und mir unbedingt schreiben. Mal schauen, ob er es wahr macht.

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Wie beliebt ich war, wurde eigentlich erst klar, als mir mein Gruppenchef erzählte, wie in meiner Abwesenheit immer Kinder zu den Ausländern kamen und nach dem weißen großen Kerl gefragt haben. Die Organisation fand ich trotzdem nicht optimal, aber was will man machen?! Es hat alles geklappt – bis auf den Bruch – und es hat Spaß gemacht, mehr will man doch nicht. Trotz allem hat es Spaß gemacht, auch wenn Orsolya und ich uns einig sind, dass ein Mal reicht und wir danach sehr geschafft waren. Während des Aussteigens aus dem Bus trafen wir auch noch die Reysol-Spieler von Morgen. Ich musste mich arg zusammenreißen, um nicht nach Vegalta Sendai zu rufen.

Tag 17 – Supersayajin 3 Reik

Er war da, der langerwartete Tag. Ich hoffe nur, Frau Schmidt hat in Magdeburg gerade genug Handtücher bereitliegen, bei all den Schauern, die ihr gerade über den Rücken laufen. Heute ging es in das Englischlern-Kindercamp. Zu meiner ?Freude? sollte es schon um sieben Uhr losgehen, so dass wir früh aufstehen mussten und ich mich auf Orsolyas Todesschleuder schwang, um den Bahnhof zu erreichen. Wie vermisse ich mein altes Fahrrad, aber irgendwie – und ich betone das ?Irgendwie? – erreichten wir den Bahnhof sicher, wo schon eine große Gruppe an Ausländern und über hundert Kinder bereit standen. Wie sich herausstellte, waren die Ausländer fast ausschließlich französische Praktikanten, welche gerade in Sendai verweilen und für die Stadt einen Monat lang arbeiten. Eine ihrer Aufgaben war nun der Besuch des Camps. Die meisten Gesichter des MafuMafu erschienen mir unbekannt, desto größer war aber die Freude, als ich Yusuke, meinen Lieblingskoch aus dem MafuMafu-Cafe, erspähte. Dieser erkannte mich auch sofort und es kam zu einem umarmungsreichen Wiedersehen. Er betonte dabei immer wieder, dass er einfach nicht glauben kann, dass ich wieder da bin. Kurzerhand wurde deshalb auch klar gemacht, dass wir uns nächste Woche mal so treffen müssen und zusammen abhängen werden.

Es ging auf jeden Fall los. Dank meiner Freundschaft zu einem der Hauptleiter, bekam ich gleich einen Platz in seinem Team, den ich dann aber leider doch kurzerhand wegen einer Umstrukturierung räumen musste. Das war mir aber auch ganz recht, orange stand mir als Erkennungsleibchen doch nicht so gut, wie ich mir das vorgestellt hatte. Kurzerhand kam ich in das erste Team und damit in das weiße Team. Kam mir natürlich sehr gelegen, denn das weiß-schwarze Leibchen passte perfekt zu meinem weißen Hemd, nur an der Größe muss man noch arbeiten. Beschwerten sich einige Kinder, dass sie ihre Hemden als Röcke tragen könnten, so konnte ich mit meinem bauchfrei durch die Stadt wandern. Gut, wir sind in Japan, da erwarte ich gar nicht, dass auf derartige Details geachtet wird.

Wir wurden auf jeden Fall auf vier Busse aufgeteilt und los ging es in das Camp. Mein Team bestand aus vier männlichen Betreuern und vierzehn Kindern, wovon der große Teil Jungen waren. Der Altersdurchschnitt lag bei etwa neun Jahren, das war somit die jüngste Gruppe. Unser Hauptproblem, wie sich später herausstellen sollte, war die schlechte Aufteilung der Betreuer. Unser Anführer war ein Japaner, welcher zwar Englisch lehrt, aber leider nicht so gut das gesprochene Englisch versteht. Die zwei weiteren Betreuer waren Franzosen, von dem einer Englisch sprechen konnte und kein Japanisch und einer etwas Japanisch und kein Englisch. Dafür reichte sein Japanisch aber trotzdem kaum an meines heran, was etwas heißen soll. Besonders für ein Englischcamp erscheint eine derartige Sprachverteilung gewöhnungsbedürftig, aber wer bin ich, um das zu beurteilen. Weiterhin fehlte uns eindeutig die pädagogische Ader, wie sie nur Frauen offenbar entwickeln können.

Nach einigen Späßen im Bus, unter anderem dass der arme Deutsche beim Aufstehen und Vorstellen seinen Schädel an die Busdecke gehauen hatte, erreichten wir nach etwa einer Stunde die Berge von Zao. Ohne Pause wurden die Kinder geschnappt und in einen großen Raum verfrachtet, wo sie drei Stunden unterrichtet wurden. Von Unterrichten aber kann nicht wirklich die Rede sein. Es zeigte sich eines der Hauptprobleme der Veranstaltung – das Alter. Das ganze Camp stand auch unter dem Motto, den Opfern der Erdbeben etwas Freude zu bereiten, dementsprechend weit gestreut war der Altersdurchschnitt. Mit unterschiedlichem Alter sind die Kinder auch unterschiedlich aufnahmefähig und unterschiedlich weit mit ihren Englischkenntnissen. Die eine Gruppe langweilte sich also bei den drei Sätzen, die in den drei Stunden unterrichtet wurden, die andere fand die Seilbahn vor dem Haus viel spannender und hatte Probleme, drei Stunden auf dem Stuhl zu sitzen. Ein angepasster und auch durch Spiel und Spaß anstelle von Frontalunterricht vorgenommener Unterricht wäre wohl meiner Meinung nach geeigneter gewesen. Zudem gab es in diesen drei Stunden nichts zu trinken, sondern es wurde erwartet, dass die Kleinen ihre Wasserflaschen benutzen. Augenscheinlich klappte das nicht und schon nach zehn Minuten hatten wir die Ersten, die mit roten Augen und leeren Flaschen dastanden. Es herrschte also etwas Chaos, was insoweit ärgerlich war, wenn man sah, dass die Kids wirklich etwas lernen wollten, halt nur anders aufbereitet.

Nach dieser Lehrstunde ging es rüber in ein anderes Gebäude, wo die Kinder Curry kochen sollten. Nach einigen organisatorischen Problemen klappte das auch gut, auch wenn unsere Gruppe lieber spielte. Zum Glück opferte sich aber Risa, eine unserer Kleinen und kochte fast im Alleingang mit unserer Hilfe. Dafür lernten sich die Kinder jetzt endlich kennen. Eine weitere Eigenschaft unserer Gruppe wurde auch gleich bei der Essenaufteilung offensichtlich: der Zusammenhalt, der sich entwickelt hatte. Es galt, die Teller für das Curry aus drei Reiskochern zu befüllen. Jin beschloss kurzerhand, die Teller von allen Gruppenmitgliedern zu füllen. Da wir als Gruppe 1 zuerst dran waren und die Reiskocher noch voll waren, dachten wir uns nichts dabei. Als der erste Reiskocher dann aber schon fast zur Hälfte geleert war, musste ich eingreifen und eine kleine Rationierung vornehmen. Die Kinder mit den vollen Tellern störte das nicht weiter, wir waren die einzige Gruppe mit geleerten Tellern und geleertem Currytopf. Einige Japaner haben wirklich schwarze Löcher im Magen, wo man sich fragt, wie man soviel essen kann. Nach einigen weiteren Lernversuchen wurden die Kinder nach draußen verfrachtet und es wurde ein Fangspiel veranstaltet. Die Betreuer sollten einen Hang hochlaufen und die Kinder ihnen hinterher, um sie zu fangen. Dabei sollten sie auf Englisch einen Stopp erbitten. Das Englische wurde nach der ersten Runde aber weggelassen. Nach der zweiten Runde hatten wir die ersten verletzten Betreuer, da der Boden so schlecht war, dass man leicht umknickte. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich eigentlich geplant, mich in der dritten Runde rauszuhalten und lieber Krankenschwester zu spielen. Die Rechnung habe ich aber ohne Jin gemacht, der, als ich saß, auf meinen Rücken gesprungen war. Schon vorher wurde ich durch meine Größe öfter angesprochen, ob ich das Kind nicht mal hochheben kann, hatte mich aber immer geweigert. Diesmal gab ich nach, da ich ihn eh nicht mehr los wurde. Dies sollte ein schwerer Fehler sein. Ich wurde kurzerhand als Pferd missbraucht und jagte den Betreuern hinterher, wofür Jin am Ende auch den ersten Platz in der Wertung bekam. Was macht man nicht alles fürs Team?

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Im Anschluss an das Rennen folgte ein Wassermelonenöffnen, welches in Japan traditionell mit verbundenen Augen und einem Holzstock geschieht. Die Kinder hatten ihren Spaß, auch wenn wir Ausländer jetzt nur noch gefragt wurden, ob wir sie mal hochheben. Da die meisten Sachen, die wir machten, eh nicht wirklich kindergerecht waren, gaben wir nach und wir drei Ausländer spielten immer mal zwischendurch mit den Kindern. Dabei lernten sie auch gleich etwas Englisch, da wir ihnen immer mal dabei neue Begriffe eintrichterten. Der Abschluss des Abends sollte ein Grillen werden. Unsere Kids aus Team 1 schafften es natürlich wieder als erstes, alles Fleisch zu verdrücken, so dass wir Betreuer kaum etwas abbekamen. Da Fleisch eh nichts für mich ist, spannte mich Yusuke als Koch ein und ich war für die Yakisoba zuständig.

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Die wurden auch super lecker. Nur, wieso muss ich immer kochen, wenn ich mit dem MafuMafu zu tun habe? Das angedachte Lagerfeuer fiel dagegen dem Wind zum Opfer, der das Holz vom Feuerplatz schmiss, welches fast noch die Kinder traf. Da sich kein anderer traute, war es dann meine Aufgabe, die Feuerbeschleuniger vom Lagerfeuer zu entfernen. Die angedachte Nachtwanderung endete dagegen mit einem Fußbruch eines Franzosen, welcher an der falschen Stelle auftrat und sich dabei den Bruch zuzog.

Während wir die Kinder hüteten, was schwerer war, als ein Sack Flöhe zu hüten, wurden vier Franzosen aus uns unbekannten Gründen auch noch gefeuert und auf einmal hatten wir ein Problem mit der Zimmerbelegung. Geschlagene 60 Minuten dauerte diese, wobei uns Kinder zugeteilt wurden, welche wir nicht einmal kannten. Zudem war mein Zimmer zu klein für die 15 angedachten Personen, welche in ihm schlafen sollten. Der Einwand der Japaner, die Kinder könnten zusammen auf einem Futon schlafen, wurde dadurch entkräftet, dass kein Japaner bereit stand, diesen Plan den Kindern zu erklären. Da sie nicht auf uns hörten, wurde aus diesen Plänen nichts. Das war auch gar nicht so tragisch, da die zwei anderen Franzosen auf einmal ohne Vorwarnung aus meinem Zimmer verschwanden und wo anders übernachteten. So brach in meinem Zimmer ein Krieg aus und alle Kinder prügelten sich – und ich dazwischen. Dank meiner überlegenen Körpergröße konnte ich den Frieden erzwingen, doch für diese Tat wurde ich von den Kindern zum Supersayajin dritter Stufe ernannt. Wie mir Yusuke später erklärte, handelt es sich bei diesem um die stärkste Entwicklung eines Kriegers in einem bekannten Anime, welche dazu noch langes blondes Haar hat.

Bei der Abschlussbesprechung des Tages kam noch heraus, dass meine gesamten Handlungen nicht unbemerkt blieben. So hatten alle Japaner ein weinendes Kind alleine im Aufenthaltsraum gelassen, welches Schnappatmung hatte und versuchte, mit seiner Mutter zu telefonieren. Dabei bekam es kein Wort heraus. Als ich das sah, habe ich ihm mit meinem begrenzten Japanisch gut zugesprochen, die Nase geputzt und ihn vom Grillen überzeugt. Zudem hab ich ihm einige lustige Szenen aus dem ersten Asterix Livefilm gezeigt, welche er auch in Deutsch verstand. Wenn Obelix Römer verprügelt, ist das halt doch international. Das Grillen hat ihm dann so viel Spaß gemacht, dass er danach nie wieder geweint hat.

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Als ich in der Nacht müde in mein Zimmer zurückkam, kam ich erst gar nicht herein, da die Kinder abgeschlossen hatten. Meine Stimme überzeugte sie aber, die Tür zu öffnen. Das Schlafen wurde noch interessant, da die Futons wie eine Liegewiese genutzt wurden und alle irgendwo schliefen. So nahm ich zwischen den Füßen eines Kindes und dem Rucksack eines anderen Kindes Platz. Diesen Rucksack hatte allerdings ein Kind noch auf dem Rücken, als es eingeschlafen war. Irgendwann in der Nacht befreite es sich dann von der Last und ich hatte einen Rucksack auf dem Gesicht, der ohne Rücksicht auf Verluste gegen die nächste Wand weitergeschickt wurde. Das Versprechen besagte vorher auf jeden Fall, am zweiten Tag seien die Kinder so geschafft, dass sie nichts mehr machen. Ich hab da so meine Zweifel, aber ich lasse mich ja gerne vom Gegenteil überzeugen!

Tag 16 – Todesfalle und Kamikaze

Es ist soweit, die zweite Hälfte des Urlaubs hat begonnen. Dennis ist im Flugzeug und hoffentlich bald sicher in Deutschland angekommen. Er hatte bereits in Deutschland einige Bestellungen für verschiedene Dinge aus Japan bekommen, die nun nach Deutschland verfrachtet werden müssen. Ich habe ihm auch gleich noch einigen Kram von mir mitgegeben. Da er aber trotzdem weit unter dem Warenwert bleibt, sollte das alles kein Problem werden.

Die gestrige Feier mit Andre und den anderen ist dann doch länger geworden, so dass ich den heutigen Tag damit verbracht habe, die Batterien aufzuladen. Orsolyas Wohnung ist zum Glück sehr günstig gelegen. Gleich gegenüber findet man einen Coop und nebenan einen Seyus, die beiden größten Supermärkte der Stadt. Zudem gibt es gegenüber auch eine Kaitensushibar. Welche dekadentere Mittagessensmethode gäbe es also, als kurzerhand in diese Bar einzuziehen. Das Sushi ist zwar nicht mit dem des Meisters vergleichbar, doch trotz allem immer noch den deutschen Sushi-Restaurants um Meilen voraus. Das spezielle Maguroangebot, also Thunfisch-Spezial, musste ich natürlich sofort probieren und bleibe dabei, dass Maguro der beste Sushifisch ist. Da es sich um ein Kaitensushi handelt, muss man sich das gewünschte Sushi von einem Fließband nehmen. Zu unserer Überraschung scheint dies beliebter zu sein, als man lang hin annimmt. Selbst Schüler zog es in die Bar und sie speisten sehr reichhaltig. Herrlich, ich kann mir nicht vorstellen, dass ich in meinem Schulleben freiwillig in eine Sushibar oder überhaupt in ein Restaurant gegangen wäre.

Aufgrund des morgigen Tages verlief der restliche Tag eigentlich nur im Rahmen der Lagervorbereitungen, was sich erst abends ändern sollte. Mikako hatte sich angemeldet. Bei dieser jungen Dame handelt es sich um die Freundin meines alten Kumpels Daniel. Eine junge Japanerin, welche heutzutage in einer Bank arbeitet und welche ich vor ziemlich genau einem Jahr das letzte Mal gesehen habe. Umso größer war die Wiedersehensfreude. Zur Auffrischung alter Erinnerungen ging es in eine Udonbar hinter dem Bahnhof. In dieser Udonbar galt ich früher als angeblicher Stammgast und auch diesmal machten einige Angestellte Zeichen, als könnten sie mich erkannt haben. Gestärkt durch Udon wurde es ein sehr schönes Treffen, in dem sehr über meinen Senpai Daniel gelästert wurde. Wir hoffen auf jeden Fall beide, dass sein Traum noch wahr wird und er einmal in Japan arbeiten und bleiben kann. Selbst derartig unspektakuläre Tage zeigen doch, wie entspannt und interessant das Leben hier werden kann.

Eine kleine Anmerkung am Rande: ich verfüge endlich wieder über ein ?Fahrrad?. Mein guter alter Freund ?der Reisende? (also mein altes Fahrrad, das einen Aufkleber mit dem Motto hatte, dass man sich auf es schwingen soll und die Welt erkunden soll) wurde ja nachdem ich weg war gestohlen. Unter mir wäre das nie passiert, aber ich hatte es Shimizu überlassen und bei ihm hat es kein Jahr überlebt. Meine Trauer wirkt noch heute nach und ich hoffe inständig für den Dieb, dass ich das Fahrrad nirgends in Sendai sehe, denn es könnte nicht gut für ihn ausgehen. Als Ausgleich hat Orsolya mir gleich zwei Räder zur Verfügung gestellt. ?Totesfalle? und ?Kamikaze?. Bei Kamikaze handelt es sich um ihr Rad, welches etwas höher einstellbar ist, über Gänge verfügt und sich etwas leichter fahren lässt. Dieses leichtere Fahren hat den Nachteil, dass die Bremsen nicht funktionieren und jedes Anhalten an Ampeln ab einer gewissen Geschwindigkeit, die ich häufiger erreiche, zum Überlebenskampf wird. Die Todesfalle dagegen wurde mir von Fumiyo gestellt. Fumiyo ist eine alte Bekannte. Sie erschien auf Partys oder Veranstaltungen, aber niemand weiß, wo sie dazugehört oder was sie macht. Die Schweden in Sendai haben ihr das Fahrrad übergeben, damit sie es an die nächste Generation weitergibt. Wieso man das Rad weiternutzen wollte, erschließt sich mir aber nicht. Es hat keine Gänge, die Größe ist für jeden Europäer ein Witz und die Räder eiern gefährlich. Keines der beiden Räder ist also wirklich nutzbar, aber ich werde das Beste daraus machen. Wenigstens bin ich überhaupt mobil. Trotzdem kann ich jedem Reisenden nur vorschlagen, sich ein anständiges Rad zu kaufen und notfalls lieber etwas mehr in Qualität zu investieren. An die beiden Räder, die Orsolya und ich am Anfang gekauft haben, kam keines ihrer nachfolgenden Räder mehr heran. Bis zum Ende des Urlaubs werde ich wohl mein Götterwissen auf jeden Fall verbessert haben. Für die heutige Fahrt mit Kamikaze habe ich alle nordischen Götter mit Bitte ums Überleben durch, als nächstes sind dann wohl die Griechischen dran.

Tag 15 – Abschiede und Halbzeitpause

Wie in jeder guten Verlängerung ist die Halbzeit angelaufen, der Trainer berät seine Spieler noch einmal und es werden die letzten Auswechslungen vorgenommen. Heutiges Opfer dieser Auswechslungen ist Dennis. Nach zwei Wochen endet sein Urlaub und er muss nach Tokyo, um seinen Flug zu bekommen. Ich habe Dennis ja schon einmal zum Flughafen gebracht, aber so geknickt wegen dem Urlaubsende und dem Rückflug war er noch nie. Was haben wir auch alles erlebt: Vulkane in Sandaletten bestiegen, geheime Pfade im Wald gefunden, Vegalta angefeuert und im Schnitt rund fünfzehn bis zwanzig Kilometer am Tag gelaufen. Vereint mit der japanischen Freundlichkeit, dem Essen und der ganzen Kultur, wird Dennis etwas fehlen. O.k., besonders das Vitaminwasser, nach dem er mittlerweile fast süchtig ist, aber der Rest laut eigenen Aussagen auch. Eigentlich wollte ich ihn ja am Bahnhof Sendai verabschieden, widere Umstände zwangen mich aber, die weite Reise nach Tokyo auch zu absolvieren. In unserem ersten Hotel hatten wir es doch wirklich geschafft, meine Schuhe stehen zu lassen, weil jeder von uns beiden dachte, der andere hat sie eingepackt. Und so blieben die Schuhe mit der für Japan seltenen Größe 46 im Hotel. Erst in Hakkodate bemerkten wir den Verlust und riefen sofort das Hotel an. Dort verstand man nur die Hälfte, aber ein armer Japaner auf der Straße, welcher meinte, er könne ein wenig Englisch, wurde kurzerhand gezwungen, den Anruf zu vervollständigen. So warteten meine Schuhe in Tokyo auf meine Ankunft. Zum Glück eigentlich, hatte Japan doch schon zwei paar meiner Schuhe das Leben gekostet und ein drittes Paar mit sehr abgenutzten Sohlen hinterlassen.

Eine Shinkansenfahrt ist aber zum Glück entspannt und innerhalb relativ kurzer Zeit waren wir in Tokyo, hatten die Schuhe und noch einige andere Sachen absolviert und konnten Dennis in seinen Zug setzen. Zum Abschied erhielt er noch ein Zugbento von mir geschenkt. Zugbentos sind lokale Spezialitäten, welche im Shinkansen verkauft werden und eine allgemeine Empfehlung für Reisende sind. Nicht ohne Grund sind sie immer viel zu schnell ausverkauft und teilweise nur unter bestimmten Voraussetzungen zu erhalten. So war der Abschied gekommen. Schweren Herzens stieg Dennis zu seinem Zug im Bahnhof Tokyo herab, während ich zu meinem Shinkansen rennen musste. Sein Gesicht sagte auf jeden Fall, dass Japan nicht das letzte Mal von Dennis gehört hat und ich hoffe es auch. Japan ist ein zu schönes Land, als es nicht erneut zu bereisen und gesehen haben wir auch bei weitem nicht alles. Die Frage ist nur, wie das aussehen soll, falls er mal mit einer Familie nach Japan reist. ?Schatz, zeig mir mal, wo man hier gut Shoppen kann! ? Da drüben im Hundert Yen Store und ansonsten kann ich dir noch sehr schöne Berge zeigen.??.

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Nach dem Abschied ging es für mich mit dem Shinkansen nach Sendai. Orsolya wartete dort schon mit meinem alten Kumpel Andre. Andre, ein alter Mitstudent, welcher aus Berlin stammt, hatte vor ziemlich genau zwei Jahren Sendai verlassen müssen. In den zwei Jahren hatten wir es nie geschafft, auch nur mal ein Treffen zu veranstalten. Frei nach dem Motto ?200 km sind viel zu wenig, da treffen wir uns lieber in 10.000 km? kam nun die Situation, dass wir gleichzeitig vor Ort sind und beide Urlaub machen. Andre ist mittlerweile mit Yuri zusammen. Sie ist eine Bekannte von mir (Musikerin). Da hat Group Mori vor zwei Jahren vollen Erfolg gehabt. Group Mori und Frau Omori besonders, sind eine Rentnergruppe, welche sich um die Ausländer Sendais kümmern. Frau Omori lädt dazu Ausländer gerne in ihre Wohnung ein und ist auch besonders fleißig beim Kuppeln. Vor zwei Jahren hat sie das ebenfalls mit Andre, Yuri, mir und einer weiteren Japanerin versucht und bei fünfzig Prozent der Gruppe Erfolg gehabt. So ging es in ein Restaurant, wo wir zu acht saßen und uns an alte Zeiten erinnerten. Etwas schade war, dass Andre und ich kaum Zeit zum Sprechen hatten, was angesichts der Sache, dass ein Treffen in Deutschland theoretisch einfach sein sollte, nicht weiter verwunderte. Anstelle der angestrebten vier Stunden Treffen wurde es dementsprechend noch sehr lustig. Besonderes Highlight war aber Yuka. Das kleine Energiebündel ist eine bei einer Getränkefirma arbeitende 25jährige Japanerin, welche perfekt Deutsch, teilweise mit extremen deutschen Dialekten, sprechen kann. Im Rahmen von ihrer Firma erhält Yuka Tickets für ein Spiel der Rakuten Eagles, dem örtlichen Baseballverein. Rakuten ist wahrlich kein schlechtes Team und die Tickets werden nicht die schlechtesten sein, wenn ein Sponsor sie hat. Da Yuka aber an diesem Tag ein Grillfest hat, bleiben die Karten übrig und gehen an den einen sportverrückten Deutschen, den sie kennt. Mir bleibt also nur, den Termin dick im Kalender einzutragen, denn einem geschenkten Gaul, schaut man ja nicht ins Maul. Mal schauen, ob Shimizu mitkommt. Orsolya wird an dem Tag wohl schon in Ungarn im Urlaub verweilen. Wenigstens ist mittlerweile geklärt, dass ich freundlicherweise ihre Wohnung auch dann weiter nutzen darf. So wurde es ein sehr witziger Abend, bei dem aber viel Wehmut mitschwang. Es waren so viele gute Freunde da, die so vermutlich nie wieder zusammenkommen werden. Ich muss auch ehrlich sagen, ich weiß nicht, ob ich in Sendai noch einmal studieren könnte, da ich an jeder Ecke Freunde vermissen würde. Aber noch einmal nach Japan gehen, dass könnte ich mir gut vorstellen.

Hiermit beenden wir auch die erste Halbzeit der Verlängerung unter dem Motto ?Japanreise? und wechseln zur zweiten Hälfte ?Die Tage in Sendai?.