{"id":790,"date":"2010-06-08T21:29:43","date_gmt":"2010-06-08T19:29:43","guid":{"rendered":"http:\/\/rj-webspace.de\/cgi-bin\/weblog_basic\/index.php?p=790"},"modified":"2010-06-08T21:29:43","modified_gmt":"2010-06-08T19:29:43","slug":"reiks-zweites-standbein","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/2010.rj-webspace.de\/?p=790","title":{"rendered":"Reiks zweites Standbein"},"content":{"rendered":"<p>Viele Steine, m\u00fcde Beine, Aussicht keine, Heinrich Heine.<\/p>\n<p>Dies entspricht in etwa allem, was ich von deutscher Lyrik noch beherrsche.<br \/>\nAus diesem Grund komme ich langsam auch in eine Identit\u00e4tskrise hier in Japan. Vor mittlerweile vier Jahren verlie\u00df ich das Siemens Gymnasium, wohl wissend, dass ich mich nie mehr mit anderen Dingen als mit Geschichte besch\u00e4ftigen werde. Dieser Vorsatz ging auch ziemlich lange gut, bis ich meine F\u00fc\u00dfe auf den japanischen Boden setzte. Als ich heute mein B\u00fcro der deutschen Literaten betrat, sa\u00df Shimitsu schon in Lauerstellung bereit. Flehend, mit gefalteten H\u00e4nden, erbat er meine Hilfe bei der undankbaren Aufgabe seines Deutsch-Kurses, ein deutsches Gedicht mit wenigstens 6 Versen zu schreiben. Das Grundger\u00fcst stand zwar schon, aber es fehlten laut seiner Aussage zwei Dinge: die H\u00e4lfte der W\u00f6rter und schlimmer noch: die Poesie. Er hatte zwar sein Bestes gegeben, das Gedicht aber auf Japanisch geschrieben und nur \u00fcbersetzt. Die Reime funktionieren zwar im Japanischen ausgezeichnet, wenn man die Kanjis beachtet, aber im Deutschen h\u00f6rt sich das Ganze dann doch etwas komisch an. Nat\u00fcrlich konnte ich ihn mit so einer Aufgabe nicht im Stich lassen.<\/p>\n<p>Also hie\u00df es: \u00c4rmel hochkrempeln und sich vier Jahre zur\u00fcck versetzen. Wie funktionierte das noch einmal mit Gedichten und vor allem muss sich das Ganze etwa auch noch reimen? Also schnell meinen zweiten Advisor als \u00dcbersetzter angefordert und die Schreckensnachricht vernommen. 6 Verse sind Pflicht und Reime gefordert und dazu hatte sich Shimizu auch noch das Thema Marathon ausgesucht. Zwar ist das ein interessantes Thema, aber f\u00fcr Reime ziemlich kompliziert. Also ran an den Feind und \u00fcber eine Stunde sp\u00e4ter hatten wir ein Gedicht fertig. Dabei wurde auch noch der gesamte Inhalt von seiner Vorarbeit verarbeitet. Meine Deutschlehrer w\u00e4ren aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen. Dazu konnte ich noch die Sage von Marathon einbauen und wenigstens mein Geschichtswissen mit einflie\u00dfen lassen. Jetzt begann aber der schwierige Part. Der Text alleine reicht ja nicht, Shimitsu muss auch wissen, was denn im Text steht. Also verging noch einmal ann\u00e4hernd eine Stunde, bis er es halbwegs verstanden hatte. Zum Gl\u00fcck kam erst in diesem Moment der Professor des betreffenden Kurses hinein und konnte von unserer deutsch-japanischen Gemeinschaftsarbeit nichts mehr feststellen. Mein Advisor meint zwar, das das Deutsch die Sache eventuell auffliegen lassen k\u00f6nnte, aber meiner Meinung nach, h\u00e4tte er die Worte auch alle nachschlagen k\u00f6nnen. Und das Grundger\u00fcst stammt ja von ihm. Trotzdem bin ich froh, so etwas nie wieder machen zu m\u00fcssen. Ich habe ihm auch gleich erkl\u00e4rt, n\u00e4chstes Mal soll er sich doch lieber ein Geschichtsthema aussuchen. Auf jeden Fall kann ich Lyrik zum zweiten Standbein machen, falls aus dem Geschichtlerdasein nichts wird. Wobei: lieber nicht.<\/p>\n<p>Abends gab es dann noch eine kleine Geburtstagsfeier. Unser Bulgare hatte Geburtstag und zu meinem Gl\u00fcck laut Facebook Mohammed auch. Ich hatte ihm etwas zum Geburtstag besorgt, aber er hatte dort das falsche Datum eingetragen. Da ich nichts von dem Geburtstag des Bulgaren wusste, konnte ich das Geschenk aber gleich weiter verwenden. Auff\u00e4llig waren wie immer die Koreanerinnen. Selber wollen sie auf keinem Foto sein, agieren aber selber wie Paparazzis. Als sie einmal dachten, ich k\u00f6nnte ein Foto gemacht haben, kamen sie angerannt und wollten das kontrollieren. Weil sie mir nicht glaubten, versuchten sie an die Kamera ranzukommen. Ein sehr sch\u00f6nes Bild, vergleichbar mit zehn Jahre alten Kindern, die versuchen, die Gr\u00f6\u00dfe des Vaters zu erreichen. Die Australierin hatte Mitleid mit den Beiden und versuchte zu helfen, aber nicht lange. Durch ihren Ansturm erwischte ich sie perfekt, um sie zu Schultern. Daraufhin wurde sie erst einmal von mir aus dem Raum getragen. Begleitet wurde dies mit der Feststellung des Bulgaren, die Deutschen wissen wenigstens noch, wie man Frauen nach Hause bekommt. Um zu zeigen, dass ich beide Methoden beherrsche, wurde sie von mir im Anschluss auch auf den Armen zur\u00fcck getragen. Auf jeden Fall war es ein sehr lustiger Abend, auch wenn betrunkene Koreanerinnen anstrengend sind. Und vor allem: die vertragen auch gar nichts.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viele Steine, m\u00fcde Beine, Aussicht keine, Heinrich Heine. Dies entspricht in etwa allem, was ich von deutscher Lyrik noch beherrsche. Aus diesem Grund komme ich langsam auch in eine Identit\u00e4tskrise hier in Japan. 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