{"id":2235,"date":"2010-11-29T19:18:46","date_gmt":"2010-11-29T17:18:46","guid":{"rendered":"http:\/\/rj-webspace.de\/cgi-bin\/weblog_basic\/index.php?p=2235"},"modified":"2010-11-29T19:18:46","modified_gmt":"2010-11-29T17:18:46","slug":"tandempartner-oder-sprachschuler","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/2010.rj-webspace.de\/?p=2235","title":{"rendered":"Tandempartner oder Sprachsch\u00fcler?"},"content":{"rendered":"<p>Woran wird man erkennen, dass mein Ein-Jahres-Aufenthalt in Sendai rum ist? Die Leistungen der Studenten der deutschen Literatur werden merklich abnehmen. ? O.k., das ist eventuell etwas \u00fcbertrieben, aber in gewissen Kreisen kann das schon zutreffen. Nicht umsonst unterhalten sich Leute wie Shimizu gerne mit mir und lassen sich auch nur all zu gerne bei ihren Hausaufgaben helfen. Heutiges Ziel war Rieko. Nicht, dass sie nicht schon genug mit ihrer Magisterarbeit besch\u00e4ftigt w\u00e4re. Nein, irgendwie ist sie auch noch in einem Kurs \u00fcber die Leiden des jungen Werther gelandet. Der zust\u00e4ndige Professor l\u00e4sst die Studenten dabei zu jeder Stunde einige l\u00e4ngere Passagen lesen und dazu Problemfragen entwickeln. Wenn man die ganze Zeit an der Magisterarbeit herumdoktort, hat man f\u00fcr so etwas nat\u00fcrlich relativ wenig Zeit. Kein Problem, Rettung ist nat\u00fcrlich zur Stelle und zusammen arbeiteten wir die Texte durch. Wieder einmal wurde mir dabei bewusst, warum ich mich damals f\u00fcr die Ur- und Fr\u00fchgeschichte und nicht f\u00fcr die Germanistik entschieden habe. Ohne gewissen Einblick in das St\u00e4ndesystem der damaligen Zeit ist es fast unm\u00f6glich, anst\u00e4ndige Problemfragen zu den Ausschnitten zu entwickeln. Was blieb mir also \u00fcbrig, au\u00dfer in einem Japanisch-Deutschen Mix einen Geschichtsabriss \u00fcber die Zeit zu vermitteln und dann die m\u00f6glichen Problemfragen, inklusive ihrer Antworten, dabei herauszuarbeiten. Mittlerweile bin ich in diesem Punkt aber wirklich gut geworden. Und wenn ich etwas in den letzten Monaten hier gelernt habe ist es, wie ich anderen Menschen, die keine Ahnung von der Materie oder auch nur von der Sprache haben, etwas n\u00e4her bringen kann, so dass sie es verstehen. Trotzdem f\u00fchrt das des \u00d6fteren doch mal zu witzigen Situationen. So bekam mein zweiter Betreuer sich heute kaum noch vor Lachen ein, als er eine Lehrstunde zwischen Shimizu und mir verfolgte. Shimizu, der ein ausgesprochen audiovisueller Typ ist, und ich gingen nur kurz f\u00fcr eine seiner Hausaufgaben die Bedeutung einiger Gem\u00fctszust\u00e4nde durch. Wie k\u00f6nnte man das besser machen, als die Gem\u00fctszust\u00e4nde vorzumachen und nachdem er damit angefangen hatte, machte ich mit. Mein Betreuer wollte uns beide schon ans Fernsehen weiter vermitteln, so begeistert war er von unseren Erkl\u00e4rmethoden. Aber ich bin in dem Fall der Meinung, so lange es hilft, sind alle Mittel erlaubt.<\/p>\n<p>Dass man seine Sprachkenntnisse auch anders verwenden k\u00f6nnte, zeigt ein anderes Beispiel heute. Beim allt\u00e4glichen Sichten des Schwarzen Brettes meiner Fakult\u00e4t, blieb mein Auge sofort auf einem Flyer h\u00e4ngen, der dort nicht hingeh\u00f6rte. Im nicht hundertprozentig perfekten Englisch pries ein Deutscher seine F\u00e4higkeiten als ruhiger und geduldiger Mensch an, der f\u00fcr einen kleinen Unkostenbeitrag von 15 Euro pro Stunde bereit w\u00e4re, den willigen Studenten die deutsche Sprache zu vermitteln. Zwar beherrsche er kein Japanisch, aber mit Englisch ginge das schon. Bei dem Werber handelt es sich um einen mir bekannten Deutschen, der erst vor zwei Monaten hier in Sendai angekommen ist. Auf der einen Seite muss ich seinen Gesch\u00e4ftssinn loben, Interessenten f\u00fcr ein derartiges Angebot wird er auf jeden Fall genug finden. Negative Punkte sehe ich dabei aber auch, die man aber meist erst schmerzhaft selber bemerken muss. Es ist nat\u00fcrlich sch\u00f6n, wenn man Englisch beherrscht, auch wenn es nicht bei 100 Prozent liegt. Aber hier in Japan bringt das einen beim Vermitteln von Sprache auch nicht viel weiter. Das f\u00e4ngt schon damit an, dass viele, die Deutsch lernen, im Englischen auch nicht so firm sind. In diesem Fall bleiben nur drei Optionen \u00fcbrig: Entweder man erkl\u00e4rt die Problematik im einfachsten Deutsch, man holt das Japanisch hervor oder man bem\u00fcht einen Japanisch-Deutsch-Mix. Aber selbst dann kommt es immer noch zu einem ganz grundlegenden Problem: Japaner tendieren dazu, eine Sprache ganz anders zu lernen als wir. Ich kann gar nicht mehr z\u00e4hlen, wie h\u00e4ufig ich nach Gr\u00fcnden f\u00fcr den Einsatz von verschiedenen F\u00e4llen oder anderen grammatischen Regeln gefragt wurde, wo ich einfach sagen w\u00fcrde, ich mache es nach Gef\u00fchl. Selbst Thomas, der nun seit mehreren Jahren Deutsch unterrichtet, steht des \u00d6fteren vor der Problematik, dass er nach besonderen Grammatikstrukturen gefragt wird, die selbst ein Deutscher kaum wirklich erkl\u00e4ren kann. Die Japaner versuchen halt eine Sprache erst von der Grammatik komplett zu durchschauen und dann die eigentlichen Worte zu lernen. Ob der deutsche Informatiker das nun unbedingt beherrscht, wage ich pers\u00f6nlich nicht zu beurteilen. F\u00fcr mich war es aber der Grund zu sagen, dass ich nie Geld f\u00fcr Unterricht nehmen w\u00fcrde. F\u00fcr 15 Euro pro Stunde, was in Japan f\u00fcr Unterricht schon verdammt viel ist (normalerweise sind es maximal 10 Euro), erwarte ich von einem Lehrer das er 100prozentig wei\u00df, was er tut. Ich k\u00f6nnte das nicht mit meinem Gewissen vereinbaren und deshalb habe ich auch ein Angebot von Thomas ausgeschlagen, einen seiner Sprachschulkurse zu \u00fcbernehmen. Auf der anderen Seite ist es nat\u00fcrlich ein gutes Mittel, um Geld zu verdienen. Vorher sollte f\u00fcr einen Ausl\u00e4nder aber vermutlich erst einmal der andere Weg stehen, die einheimische Sprache zu meistern und dann mit deren Hilfe die eigene Sprache als Lehrer zu vermitteln. Auf der anderen Seite war Riekos Reaktion auf das Plakat g\u00f6ttlich. Ihre einzige Frage war, wie man f\u00fcr eine Sache, die normalerweise einfach Tandempartner kostenlos machen, so viel Geld verlangen kann? Bis auf die Professoren k\u00f6nnte doch niemand so etwas bezahlen. Ganz unrecht hat sie mit dieser Aussage vermutlich nicht.<\/p>\n<p>Trotzdem muss ich sagen, besonders die F\u00e4higkeit Deutsch zu beherrschen, ist eine sehr wertvolle in Japan. Die Sprache ist \u00e4u\u00dferst beliebt und aufgrund eines eklatanten Mangels an Deutschen findet man sehr leicht Sprachpartner. Diese Tandempartner, f\u00fcr die es hierzulande auch gute Vermittlungsstellen gibt, sind gleichzeitig das beste Mittel, das echte Japan kennen zu lernen. Mit ihnen was zu unternehmen, sich austauschen und einfach nur Spa\u00df gemeinsam zu haben, ist mit das Beste, was man machen kann. W\u00fcrde man nur unter den ausl\u00e4ndischen Studenten hocken, w\u00fcrde man viel zu viel verpassen. Gerade da Japaner ziemlich scheu sind und normalerweise niemanden an sich heran lassen, sollte man diese M\u00f6glichkeit wirklich niemals ungenutzt lassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Woran wird man erkennen, dass mein Ein-Jahres-Aufenthalt in Sendai rum ist? 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