{"id":1864,"date":"2010-10-20T18:30:54","date_gmt":"2010-10-20T16:30:54","guid":{"rendered":"http:\/\/rj-webspace.de\/cgi-bin\/weblog_basic\/index.php?p=1864"},"modified":"2010-10-20T18:30:54","modified_gmt":"2010-10-20T16:30:54","slug":"neues-aus-dem-japanischen-horsaal","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/2010.rj-webspace.de\/?p=1864","title":{"rendered":"Neues aus dem japanischen H\u00f6rsaal"},"content":{"rendered":"<p>Unter Studenten entwickeln sich immer gewisse Legenden &#8211; Geschichten, die von Student zu Student weitergereicht werden und von fast von allen gekannt werden. Eine dieser Legenden d\u00fcrfte die Explosion in der UFG G\u00f6ttingen sein. Ein Professor verliert den Kopf und faltet seinen Studenten vor der gesamten Studentenschaft zusammen. Aber nicht nur in der UFG sind solche F\u00e4lle bekannt, auch in der Geschichte. Besonders bei gewissen Mittelalterprofessoren kam es schon vor, dass nach einem besonders schlechten Referat ein Professor den Kopf verlor und den selbigen des referierenden Studenten wusch. In Deutschland stellt dies einen normalen Vorgang dar, der schon einmal bei gewissen Professorentypen geschehen kann. In Japan sieht die Welt schon ganz anders aus. Eine meiner Professorinnen versuchte heute zum wiederholten Male, mich f\u00fcr die Teilnahme an dem institutsinternen Literatenzirkel zu gewinnen. An sich bin ich ja immer daf\u00fcr, mich bei allen Sachen zu zeigen. Aber ein Literatentreff? So verzweifelt bin ich dann doch nicht. Noch bin ich Historiker und nicht unter die Germanisten gegangen und ob ich mich mehrere Stunden \u00fcber Kafka und Thomas Mann unterhalten m\u00f6chte, wage ich dann doch einmal zu bezweifeln. Unter diesen Literaten befindet sich nun aber ein besonderer Fall. Ein mittlerweile 90-j\u00e4hriger ehemaliger Professor, der eigentlich nur noch f\u00fcr diese Treffen die Uni betritt. Ihn zeichnet eine besondere Gabe aus, die besonders meine deutsche Professorin anspricht, er darf offen kritisieren. Richtig gelesen, kritisieren ist an einer japanischen Uni von Professorenseite nicht gerne gesehen und wird nur in den schlimmsten F\u00e4llen angewandt. Dementsprechend werden sogar bei Referaten nur die guten Stellen herausgestellt und die schlechten positiv umschrieben. Wie dadurch ein Lerneffekt auftreten soll, kann ich zwar nicht wirklich sagen, aber die Japaner werden schon ihre Gr\u00fcnde haben. Nat\u00fcrlich soll Kritik nicht in Geschrei enden, wie es in oben genannten G\u00f6ttinger Beispielen schon einmal vorkommen konnte. Aber konstruktive Kritik muss erlaubt sein. Wie will man sonst aus Fehlern lernen? Besagter Professor hat aber seit seiner Niederlegung des Lehrstuhls seine europ\u00e4ische Ader entdeckt und kritisiert nun offen, wobei er mittlerweile schon ruhiger geworden sein soll. Trotzdem war das Bild g\u00f6ttlich, wie er das B\u00fcro betrat und erst einmal zwei Kommilitonen eine Predigt hielt, warum sie Mangas lesen und nicht sinnvolleren Besch\u00e4ftigungen nachgehen. So stramm sitzen habe ich die Kollegen noch nie gesehen! Sein Auftreten und seine ganz Art h\u00e4tten mich aber auch in Alarmbereitschaft versetzt, h\u00e4tte er sich f\u00fcr den Ausl\u00e4nder in der Ecke \u00fcberhaupt interessiert. Ich kann mir aber danach bildlich vorstellen, wieso es meiner Professorin so einen Spa\u00df macht, diesen Mann durch die Uni zu f\u00fchren und auch in die Seminare mit hinein nehmen zu m\u00fcssen. Trotzdem verstehe ich einfach nicht, wie diese Lernmethode Erfolg haben soll, auch wenn man nach Lob nat\u00fcrlich motiviert ist. So ganz passt es auch nicht in mein Bild des japanischen Unterrichtes. Alle Seminare, die ich bisher gesehen habe, entsprachen eher der Methode: der Professor erz\u00e4hlt und und die Studenten haben anerkennend mit dem Kopf zu nicken. Das Bildnis des nicht kritisierenden Professors passt da wahrlich nicht dazu. Auf der anderen Seite ergibt es schon Sinn. Betrachtet man das japanische Ehrsystem, so verliert man bei zu viel Kritik schnell sein Gesicht und auf der anderen Seite wird die Universit\u00e4t hierzulande eher als Dienstleister gesehen. Kein Wunder bei rund 5.000 Euro Studiengeb\u00fchren pro Semester, da sollte man den Studenten nicht zu sehr drangsalieren, schlie\u00dflich braucht man ihn ja noch! Man m\u00f6chte ja nicht, dass seine Endbewertung des Kurses vernichtend ausf\u00e4llt und man sich vor den anderen Professoren rechtfertigen muss. Ob dieses System nun sinnvoll ist oder nicht, muss jeder f\u00fcr sich selber entscheiden. Der Ansatz ist auf jeden Fall interessant und mich w\u00fcrden einmal Vergleichsstudien interessieren, ob das europ\u00e4ische oder das japanische System zu mehr Erfolg f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich nicht negativ aufgefallen ist Shimizu. <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/5772531.de.strato-hosting.eu\/cgi-data\/weblog_basic\/uploads\/2010\/10\/imgp2670s-112x150.jpg\" alt=\"imgp2670s\" title=\"imgp2670s\" width=\"112\" height=\"150\" class=\"alignright size-medium wp-image-1863\" srcset=\"http:\/\/2010.rj-webspace.de\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/imgp2670s-112x150.jpg 112w, http:\/\/2010.rj-webspace.de\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/imgp2670s-84x113.jpg 84w, http:\/\/2010.rj-webspace.de\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/imgp2670s-168x225.jpg 168w, http:\/\/2010.rj-webspace.de\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/imgp2670s.jpg 576w\" sizes=\"(max-width: 112px) 100vw, 112px\" \/> O.k., er hat auch verd\u00e4chtige Sachen schnell genug unter dem Tisch verschwinden lassen, aber das ist ja nur ein Nebeneffekt. Er st\u00f6hnte daf\u00fcr \u00fcber die Leseaufgaben. F\u00fcr einen seiner Kurse muss er nachweisen, dass er 10.000 Worte in der Woche gelesen hat. Wie gro\u00df aber die Motivation ist, B\u00fccher der Marke &#8222;Mein erster Schultag&#8220; zu lesen, sei mal dahin gestellt. Viel interessanter war aber die Neuigkeit, dass unser B\u00fcro am Freitag zusammen ein Imoni-Kai veranstaltet. Endlich wird mal wieder etwas zusammen unternommen und ich sehe auch mal wieder die Leute, die es nie ins B\u00fcro schaffen. Kaori, meine Tutorin, habe ich zum Beispiel schon seit fast einem Monat nicht mehr gesehen. Zum Gl\u00fcck \u00fcbernehmen Shimizu und Rieko mittlerweile ihre Aufgaben freiwillig mit!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter Studenten entwickeln sich immer gewisse Legenden &#8211; Geschichten, die von Student zu Student weitergereicht werden und von fast von allen gekannt werden. Eine dieser Legenden d\u00fcrfte die Explosion in der UFG G\u00f6ttingen sein. 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