{"id":1845,"date":"2010-10-18T10:09:28","date_gmt":"2010-10-18T08:09:28","guid":{"rendered":"http:\/\/rj-webspace.de\/cgi-bin\/weblog_basic\/index.php?p=1845"},"modified":"2010-10-18T10:09:28","modified_gmt":"2010-10-18T08:09:28","slug":"unisport","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/2010.rj-webspace.de\/?p=1845","title":{"rendered":"Unisport"},"content":{"rendered":"<p>Japan ist ein Land, in dem man sein Zeitgef\u00fchl sehr einfach verlieren kann. Schon alleine, dass am Sonntag die Gesch\u00e4fte offen haben, nimmt dem Europ\u00e4er einen Fixpunkt. Auch ansonsten gibt es kaum Anzeichen f\u00fcr bestimmte Tage. Freitags wird komplett durchgearbeitet, die Stra\u00dfen sind am Wochenende kaum voller als in der Woche und meine Nachbarn sind weder in der Woche noch am Wochenende jemals anzutreffen. Wie bitte soll man so noch die \u00dcbersicht behalten? Da ich meinen Fu\u00df am Montag beim Gewaltmarsch zum Bus ungl\u00fccklich verdreht hatte und er immer noch ein wenig weh tat, entschied ich den Tag heute gem\u00fctlich angehen zu lassen, lernen schadet ja auch nie. Auch wenn meine Freunde wie Orsolya es wunderbar beherrschen, ganz in der Umgebung von meinem Wohnheim zu bleiben, konnte und wollte ich das dann aber auch nicht den ganzen Tag. Die Entscheidung fiel auf eine Ausfahrt mit dem Rad. Passenderweise traf ich auf eine Deutsche, die ebenso wie ich vom Gl\u00fcck verfolgt wird. Nach nur zwei Wochen in Japan ist ihr PC kaputt gegangen und japanische PCs sind kein anst\u00e4ndiger Ersatz. Ganz ohne elektronisches Ger\u00e4t ist es aber in den Zimmern der Wohnheime doch etwas langweilig. B\u00fccher sind zwar angenehme M\u00f6glichkeiten, aber bei nicht 100-prozentigen Japanisch-Kenntnissen leider keine Alternative. Zugegeben, ich w\u00fcrde sie liebend gerne entziffern k\u00f6nnen, f\u00fcr ein Buch ben\u00f6tigt man aber gut 1000 bis 1500 Kanjis. Das ist eine schier unm\u00f6gliche Anzahl, die Japaner normalerweise erst in etwa der siebten Klasse halbwegs lesen k\u00f6nnen. Maximal absolute Kinderb\u00fccher sind \u00fcberhaupt ohne entsprechende Kenntnisse zu entziffern. B\u00fccher in anderen Sprachen bekommt man dagegen wirklich selten. Dementsprechend fallen alle Besch\u00e4ftigungsm\u00f6glichkeiten weg und einen CD-Player hat sie auch nicht. Aufgrund von akutem Geldmangel m\u00f6chte sie aber maximal einen gebrauchten CD-Player kaufen. Kein Problem f\u00fcr mich, Gebrauchtl\u00e4den kenne ich in dieser Stadt genug und so zogen wir mit dem Rad gemeinsam los, einen CD-Player g\u00fcnstig zu bekommen. Das war gar kein so leichtes Unterfangen. In Zeiten von MP3-Playern und PCs gibt es kaum noch CD-Player und so gestaltete sich die Suche komplizierter als gedacht, wollte man nicht gleich eine vollst\u00e4ndige Stereoanlage kaufen.<\/p>\n<p>Aber zur\u00fcck zur Einleitung. Unser Weg zu den Gebrauchtl\u00e4den kreuzte die \u00f6rtliche Frauenuniversit\u00e4t. Schon der Fakt einer reinen Frauenuniversit\u00e4t ist ziemlich kurios. Wie unterscheidet sich diese von normalen Universit\u00e4ten und warum sollte man sein Studium dort absolvieren? Bei Schulen mag ich ja noch bis zu einem gewissen Grad den Sinn der Einrichtung erahnen k\u00f6nnen, bei einer Universit\u00e4t sieht das Ganze aber schon anders aus. Zu meiner \u00dcberraschung war die Universit\u00e4t auch noch sehr gut besucht. Am Anfang dachte ich noch, ich habe mich im Tag vertan, aber meine Uhr zeigte tats\u00e4chlich Sonntag an und die Uni war komplett mit Studenten wie an einem Wochentag \u00fcberf\u00fcllt. Bei der Tohoku Universit\u00e4t w\u00fcrde ich das ja noch verstehen, schlie\u00dflich liegen wir noch fast in der Stadt. Diese Universit\u00e4t liegt aber ausw\u00e4rts auf einem Berg. Wer w\u00fcrde da freiwillig am Wochenende erscheinen und dazu noch in diesen Massen? Des R\u00e4tsels L\u00f6sung liegt einfacher als gedacht, aber erst meine Nachbarn konnten mich der L\u00f6sung n\u00e4her bringen. Die einfache L\u00f6sung lautet, es ist Herbst! O.k., was ist das f\u00fcr eine Antwort, wird man jetzt fragen. Aber wenn man die Fakten auf den Tisch legt, macht das sogar Sinn und gilt laut meinen Nachbarn auch f\u00fcr die Tohoku. Im Winter ist es zu kalt und im Sommer zu warm f\u00fcr k\u00f6rperliche Anstrengungen. Nun hat jede Universit\u00e4t aber die verschiedensten Sportclubs unter sich, die t\u00e4glich mehrere Stunden trainieren, um an Wettbewerben teilzunehmen. Diese Wettbewerbe sind nicht so wie in Deutschland irgendwelche Jugendligen, sondern zwei im Fr\u00fchling und Herbst stattfindende Gro\u00dfturniere, an denen Studenten aus allen Pr\u00e4fekturen Japans teilnehmen. Gleichzeitig bedeutet der Verzicht auf ein Ligensystem aber auch, dass die japanischen Studenten im schlimmsten Fall zwei Spiele pro Jahr unter Wettbewerbsbedingungen absolvieren und die restliche Zeit nur trainieren. Im Idealfall hat die Mannschaft noch ein paar Testspiele, das war es dann aber auch schon. Ein normaler Student, der wie in Japan \u00fcblich nur seinen Bachelor macht, hat also eventuell nur 8 Wettbewerbsspiele in vier Jahren Studium, daf\u00fcr trainiert er aber t\u00e4glich mehrere Stunden mit der Mannschaft. Gleichzeitig sind die Einsatzchancen eines Spielers im ersten und vierten Jahr \u00e4u\u00dferst gering. Im ersten Jahr fungiert man nach dem japanischen Rangsystem meist nur als Lakai und erst ab dem zweiten Jahr hat man Chancen auf die Bank eines Clubs. Und als Student im vierten Jahr gibt es wohl eine gro\u00dfe Austrittsbewegung, weil man sich auf den Abschluss konzentrieren muss. Nat\u00fcrlich ist es nicht in jedem Sport so extrem, aber meine Mitbewohner haben mir von mehreren F\u00e4llen berichtet, wo es exakt so ablief. Die effektive Anzahl von Turnierspielen reduziert sich im Normalfall also auf zwei bis vier Spiele. Um f\u00fcr diese raren Events also fit zu sein, wird das Training der Sportler f\u00fcr diese Zeit des Jahres noch einmal intensiviert. Das ist auch der Grund, warum sich die Studenten am Wochenende an der Uni befanden. Berichten zufolge wird am Wochenende im Herbst bei guten Teams dann schon einmal 10 Stunden am Tag trainiert. Vergleicht man den Wert dann mit dem normalen Training von Profis in Deutschland, erscheinen die Japaner schon leicht verr\u00fcckt, auch wenn ihre Motivation verst\u00e4ndlich ist. In Ermangelung eines derartigen Clubsystems in Deutschland wirkte das Bild aber wirklich imposant, wie \u00fcberall trainiert wird und Sonntags die Uni gest\u00fcrmt wird. <\/p>\n<p>Insgesamt wurde es auf jeden Fall ein interessanter Trip, auch wenn der Einkauf etwas anstrengend war. M\u00e4nner schauen sich meist eine Sache an und sind fertig. Frauen schaffen es dagegen gerne mal, solche Shoppingtouren in die L\u00e4nge zu ziehen. Genau so sah es heute auch aus und so brauchten wir f\u00fcr die f\u00fcr maximal eine Stunde eingeplante Strecke am Ende 3, aber zum Gl\u00fcck hatte ich ja eh Zeit und irgendwie hat es ja auch Spa\u00df gemacht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Japan ist ein Land, in dem man sein Zeitgef\u00fchl sehr einfach verlieren kann. 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