{"id":1638,"date":"2010-09-22T22:07:27","date_gmt":"2010-09-22T20:07:27","guid":{"rendered":"http:\/\/rj-webspace.de\/cgi-bin\/weblog_basic\/index.php?p=1638"},"modified":"2010-09-22T22:07:27","modified_gmt":"2010-09-22T20:07:27","slug":"unter-lowen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/2010.rj-webspace.de\/?p=1638","title":{"rendered":"Unter L\u00f6wen"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Willst du kostenloses Essen? Wo muss ich unterschreiben? Halt &#8211; nicht auflegen, wo ist der Haken? Keine Ahnung, sei einfach in drei\u00dfig Minuten im MafuMafu!&#8220; So sah heute um 17 Uhr ein sehr aussagekr\u00e4ftiges Telefongespr\u00e4ch aus. Eigentlich befand ich mich noch im B\u00fcro und dachte gerade dar\u00fcber nach, wann ich den Nachhauseweg einschlagen sollte. Auf derartige Aktionen war ich nicht eingestellt, aber eventuell handelte es sich einfach nur um ein normales internationales Essen oder derartiges. Orsolya wei\u00df schon, wie man mich k\u00f6dern kann und setzte gekonnt meine Achillesverse, kostenloses Essen, ein. Welcher Student soll bitte da schon nein sagen? Also wurde sich auf das Fahrrad geschwungen und im str\u00f6menden Regen und in Rekordzeit der Weg zu Thomas zur\u00fcckgelegt. Wie sich herausstellte, hatte Thomas spontan einen Hilferuf an Orsolya geschickt. F\u00fcr eine Veranstaltung wurden Ausl\u00e4nder ben\u00f6tigt. Neben uns beiden sind noch ein Finne, mein Nachbar Dai und eine Estin dem Hilfegesuch gefolgt. F\u00fcr knapp f\u00fcnfundvierzig Minuten Vorbereitungszeit eine stattliche Zahl. Wof\u00fcr wir eigentlich ben\u00f6tigt werden, konnte er uns aber auch nicht sagen. Gleichzeitig entstand das erste Problem.<\/p>\n<p>Dai machte sich in seiner s\u00fcdamerikanischen Gem\u00fctlichkeit nicht direkt auf zum Treffpunkt, sondern fuhr erst mal ins Wohnheim zur\u00fcck. Aus diesem Grund war seine rechtzeitige Ankunft nicht mehr sicherzustellen und Thomas musste ihn schweren Herzens ausladen. Japaner sind doch recht streng beim Thema zu sp\u00e4t kommen.  Leider ignorierte Dai unsere Nachricht, dass er nicht mehr kommen braucht und stand auf einmal vor der T\u00fcr. Wir mussten ihm so erkl\u00e4ren, dass wir nichts mehr machen k\u00f6nnen, ein Umstand den er nicht wirklich einsehen wollte. H\u00e4tte er aber gesehen, was wir sahen, w\u00e4re es ihm auch klar gewesen, warum es so streng gehandhabt wurde. Schon bei unserer Ankunft f\u00fchlten wir f\u00fcnf Studenten, ein T\u00fcrke hatte sich noch angeschlossen, uns leicht deplatziert. Alle anwesenden Menschen trugen Anz\u00fcge und der Veranstaltungsort war eines der nobelsten Hotels der Stadt. Was sollte uns nur erwarten? Nicht einmal der Veranstalter lie\u00df sich herausfinden. Ein Gl\u00fcck, dass ich immer Hemden trage. Mittels schnellem Hemd in die Hose stecken kann man so wenigstens ein etwas formelleres Aussehen erreichen. Endlich wurden wir hereingelassen. Auf dem Weg hinein verlor die Estin auch noch ihren Ehering, den ich gl\u00fccklicherweise gleich entdeckte. Im Inneren erwartete uns der pure Luxus und viele Japaner in edlen Anz\u00fcgen und Kleidern. Der Lions Club Sendai lud ein &#8211; man kann also sagen, die wichtigsten Menschen Sendais. Wir wurden noch schnell an verschiedene Tische verteilt und los konnte die Show gehen.<\/p>\n<p>Dankbarerweise wurde ich an einen Tisch mit Thomas gesetzt, ein sicheres Schutzschild bei japanischen Fragen. Gleichzeitig befand sich ein Mitte drei\u00dfigj\u00e4hriger Gesch\u00e4ftsmann am Tisch, der sich gleich um und an meine Seite setzte. Er wollte sich um meine Verpflegung k\u00fcmmern. Keine Minute verging, ohne dass er mein Glas \u00fcberpr\u00fcfte, ob es mir nicht an Alkohol fehlte. Gleichzeitig war die einzige Dame am Tisch stets um mich besorgt, ob ich denn mit den servierten K\u00f6stlichkeiten zurecht komme. Endlich bewies sich meine Entscheidung, Visitenkarten anzufertigen als goldrichtig. Nicht nur das Namensr\u00e4tsel lie\u00df sich so auf elegante Weise l\u00f6sen, einige der Anwesenden waren auch begierig darauf, ihre Visitenkarten mit den Studenten zu tauschen. Bis auf die Estin und meine Wenigkeit besa\u00df aber niemand dergleichen. So st\u00fcrzte man sich halt auf uns. So gelangte ich auch in den Besitz von Karten einiger der wichtigsten Menschen Sendais, wie zum Beispiel von Parlamentsmitgliedern. Leider \u00fcberzeugte Orsolyas Verwendung der japanischen Sprache die Leute, uns nur noch auf Japanisch anzusprechen. Versteht sie normalerweise rund achtzig und ich rund sechzig Prozent, so ging das bei der Geschwindigkeit und Ausdrucksweise der Anwesenden auf f\u00fcnfzig und f\u00fcnfundzwanzig Prozent zur\u00fcck. Sie agierte deshalb teilweise als meine \u00dcbersetzerin, was nicht zuletzt einer der Gr\u00fcnde f\u00fcr die vielen R\u00fcckfragen, ob sie meine Ehefrau sei, gewesen sein k\u00f6nnte. Wir schlugen uns aber sehr ehrbar und hielten auch alle Regeln der Etikette ein, wie immer anderen die halb leeren Gl\u00e4ser nachzuschenken. Leider taten die Japaner dies auch und so standen in k\u00fcrzester Zeit Bier, Sake und Wein vor mir. Gleichzeitig stellte es sich heraus, dass die Dame an meinem Tisch auch die Chefin des Catererbetriebes war. Da an unserem Tisch zwei G\u00e4ste nicht erschienen sind, wurde mir auf einmal auch deren Essen vorgesetzt und bei Japanern darf man nat\u00fcrlich nicht nein sagen. Schwere Arbeit f\u00fcr meinen Magen, wobei Teile des Essens sehr lecker waren. Das Sashimi war von feinster Qualit\u00e4t und die Fische, die vorgesetzt wurden, waren garantiert auch nicht billig gewesen. Dazu gab es noch die verschiedensten K\u00f6stlichkeiten. Abgeschlossen wurde das ganze Fest nach einiger Zeit mit einer Kreisbildung und einem Abschlussgesang, der Hand in Hand ausgef\u00fchrt wurde.<\/p>\n<p>Endlich Freiheit, sollte man meinen. Dem war aber bei weitem nicht so. Die Veranstalter und f\u00fchrenden K\u00f6pfe des Clubs forderten uns auf, mit nach Kokubuncho zu fahren und noch in eine Bar zu gehen. Ein nein wird nicht akzeptiert und ehe wir uns versahen, befanden wir uns in Taxis auf dem Weg in die Vergn\u00fcgungsmeile. Extra f\u00fcr die anwesenden 20 Leute wurde ein exklusiver Hostessenclub gemietet, wo wir von f\u00fcnf Damen hofiert und bedient wurden. Noch einmal hie\u00df es, sich der Fragen der Japaner zu erwehren beziehungsweise sie erst einmal zu verstehen. Es wurde ein sehr anstrengender aber auch interessanter Abend. Derartiges in unseren Freundeskreisen nachzustellen, k\u00f6nnen wir aber gleich abschreiben. Geben wir an teuren Abenden f\u00fcr derartige Nomihodeis (zwei st\u00fcndige Trinkveranstaltungen) im schlimmsten Fall rund je zwanzig Euro aus, so kostete dieser Club pro Person \u00fcber hundert, ein Betrag den dankbarerweise die Veranstalter f\u00fcr uns \u00fcbernahmen. Besonderes Thema war auch mal wieder meine Gr\u00f6\u00dfe, wenn man nicht gerade \u00fcber Orsolyas und meine etwaige Beziehung etwas erfahren wollte. Ein Japaner ging, soweit mich im Fahrstuhl runter zu ziehen, weil ich die anderen so \u00fcberragen w\u00fcrde und das doch unnat\u00fcrlich w\u00e4re. Nat\u00fcrlich meinte er das nur aus Spa\u00df. Besonderes Highlight f\u00fcr die Veranstalter stellte aber eigentlich das Verabschieden dar. Gerade kam eine Gruppe junger Japanerinnen aus dem gleichen Geb\u00e4ude. Sie fingen an, mit unserem Finnen und dann allen j\u00fcngeren Ausl\u00e4ndern zu flirten. Ein Umstand, der die \u00e4lteren Herrschaften ziemlich am\u00fcsierte und zu interessanten Aufforderungen f\u00fchrte. Insgesamt war es auf jeden Fall ein sehr gelungener Abend, auch wenn wir schlecht vorbereitet waren und man wirklich immer auf Alarmstufe Rot stehen musste. Man durfte keinen Fehler machen und die Japaner machten dies auch absolut klar. Gleichzeitig zeigten sie ausf\u00fchrlich, wie wichtig sie waren. Sch\u00f6n war es aber trotzdem, mal so eine Veranstaltung zu erleben und gleichzeitig zu erleben, wie Japaner Gesch\u00e4ftsbeziehungen in Clubs kn\u00fcpfen. Thomas best\u00e4tigte uns noch, dass die gesamte Situation im Hostessenclub wohl normalen japanischen Gesch\u00e4ftsessen entsprechen w\u00fcrde. Interessant, so etwas einmal aus erster Hand erlebt zu haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Willst du kostenloses Essen? Wo muss ich unterschreiben? Halt &#8211; nicht auflegen, wo ist der Haken? 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