{"id":1595,"date":"2010-09-16T19:45:31","date_gmt":"2010-09-16T17:45:31","guid":{"rendered":"http:\/\/rj-webspace.de\/cgi-bin\/weblog_basic\/index.php?p=1595"},"modified":"2010-09-16T20:00:54","modified_gmt":"2010-09-16T18:00:54","slug":"die-macht-der-karte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/2010.rj-webspace.de\/?p=1595","title":{"rendered":"Die Macht der Karte"},"content":{"rendered":"<p>Japanisch ist eine ziemlich komplizierte Sprache, besonders, da die Kanjis verschiedenste Bedeutungen haben k\u00f6nnen. Nicht selten erlebt man, wie Japaner selber erst einmal \u00fcberlegen m\u00fcssen, was dort eigentlich vor ihnen geschrieben steht. Um diese Problematik wenigstens bei der Vorstellung aus dem Weg zu gehen, verlassen sich Japaner auf ein kleines Hilfsmittel, die Visitenkarte. Fast jeder Japaner hat sie und die \u00dcbergabe stellt ein kleines Ritual dar. Derjenige, der die Karte \u00fcberreicht, nimmt sie an den zwei \u00e4u\u00dferen Ecken und reicht sie mit einer leichten Verbeugung dem Gegen\u00fcber. Der Gegen\u00fcber nimmt sie mit einer leichten Verbeugung vorsichtig mit beiden H\u00e4nden, wobei diese an einer bestimmten Stelle stehen. Nun wird ausgiebig die Karte betrachtet, die sowohl Japanisch als auch Englisch beschriftet ist. Nachdem man noch einmal nach der Umschrift der Namenszeichen gefragt hat, kann man die Karte nun wegstecken und seine eigene \u00fcbergeben. Genau hier kommt mein Fehler zum Tragen. Eigentlich h\u00e4tte mir schon in Deutschland bewusst sein m\u00fcssen, dass mein Name zu schwer auszusprechen ist. Leider habe ich aber keine Karten anfertigen lassen, schlie\u00dflich bin ich nur ein unbedeutender Student. Diesen Fehler muss ich die n\u00e4chsten Tage unbedingt ausb\u00fcgeln!<\/p>\n<p>Der Tag im B\u00fcro war heute ziemlich ruhig. T\u00e4glich verirren sich eigentlich nur maximal ein bis zwei Studenten in das B\u00fcro. Eigentlich sind nur mein zweiter Betreuer und ich anwesend. Zus\u00e4tzlich ist die deutsche Professorin von ihrer Deutschlandreise wiedergekommen. Neben der Tatsache, dass sie mir best\u00e4tigte, dass ihr G\u00f6ttingen auch zu klein vorkommt, wurden meine Dienste ben\u00f6tigt, um an ihrem PC einige Einstellungen vorzunehmen. Interessant wurde es erst, als ich eigentlich schon gehen wollte. Ein alter Professor der Tohoku Universit\u00e4t hatte sich angemeldet. Ein Indologe mit guten Deutschkenntnissen. Als altgedienter und bekannter Forscher hat er schon die Mitte achtzig \u00fcberschritten und ist seit nunmehr knapp 20 Jahren aus dem Universit\u00e4tsdienst ausgeschieden. Trotzdem besucht er die Universit\u00e4t noch regelm\u00e4\u00dfig und meine Professorin liest des \u00f6fteren seine Arbeiten in Englisch zur Korrektur. Da er heute nicht wirklich gehen wollte, nahm sie den G\u00f6ttinger Studenten zum Anlass, ihn aus ihren B\u00fcro herauszubekommen. So wurde er mir vorgestellt.<\/p>\n<p>Er ist ein sehr sympathischer \u00e4lterer Mann. Sogar Magdeburg kannte er aufgrund der Halbkugelversuche. Ein Faktor, der immer Pluspunkte bringt. Ansonsten schien er ganz der alten Schule anzugeh\u00f6ren. Widerworte gibt es nicht und seine Ausstrahlung zeigte klar, dass er etwas bedeutet. Es entwickelte sich ein interessantes Gespr\u00e4ch \u00fcber den Punjab. Zum Gl\u00fcck war eine meiner letzten Vorlesungen der Thematik der Rekrutierung von ethnischen Gruppen des Punjabs vor dem ersten Weltkrieg gewidmet. Aus diesem Grund konnte ich neben dem Professor bestehen und nicht ganz unwissend erscheinen. Nur dass ich weder von meinem Vornamen noch von meinem Nachnamen die Bedeutung wusste, \u00fcberraschte ihn und entt\u00e4uschte ihn etwas. Dies war ihm klar anzusehen. Es ist aber auch schwer Japanern zu erkl\u00e4ren, dass der eigene Name keine bekannte Bedeutung hat. Japanische Namen werden aus Kanjis gebildet und haben so immer nachvollziehbare Bedeutungen. Dementsprechend verwundert reagieren Japaner auf europ\u00e4ische Namen. Gerade die Bedeutung der Namen ist aber einer der ersten Eisbrecher in japanischer Gespr\u00e4chsf\u00fchrung. Im Endeffekt verlief das Gespr\u00e4ch aber sehr erfolgreich, auch wenn meine Anspannung erst nachlie\u00df, als der Professor das Zimmer verlie\u00df. Seine ganze Aura zeigte, dass man in seiner Anwesenheit keinen noch so kleinen Fehler begehen durfte. Mein zweiter Berater meinte aber, dass das Gespr\u00e4ch f\u00fcr mich sehr lohnend gewesen sei, da die Visitenkarte des Professors mir wohl viele T\u00fcren in Japans Universit\u00e4tssystem \u00f6ffnen kann. Dies ist ein weiterer Faktor f\u00fcr Visitenkarten, den ich schon \u00f6fter festgestellt habe. Die richtige Visitenkarte, wie die meines Professors, kann viele Dinge in Japan stark erleichtern und einige Japaner schnell freundlicher werden lassen. Morgen werde ich mir wohl auch welche anfertigen lassen, eventuell lernt dann auch meine deutsche Professorin, meinen Vornamen von meinem Nachnamen zu unterscheiden. Wobei ich mich mittlerweile schon sehr daran gew\u00f6hnt habe, dass mich die halbe Welt mit Herr Reik anspricht. Ein Fehler, der dem \u00e4lteren Indologen heute sofort ins Auge fiel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Japanisch ist eine ziemlich komplizierte Sprache, besonders, da die Kanjis verschiedenste Bedeutungen haben k\u00f6nnen. Nicht selten erlebt man, wie Japaner selber erst einmal \u00fcberlegen m\u00fcssen, was dort eigentlich vor ihnen geschrieben steht. Um diese Problematik wenigstens bei der Vorstellung aus dem Weg zu gehen, verlassen sich Japaner auf ein kleines Hilfsmittel, die Visitenkarte. 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